Wie würden Sie das Jahr 2020 in einem Satz zusammenfassen?

Ein Jahr, das uns in vielerlei Hinsicht unsere Zerbrechlichkeit, Unzulänglichkeit und Menschlichkeit vor Augen geführt hat.

 

Welchen Einfluss hatte Corona auf Ihre Arbeit?

Die Auswirkung der Pandemie auf die Kunst- und Kulturszene ist gravierend. Sind doch im Besonderen Kultur- und Kunsträume, Galerien, Clubs, Bars und Kulturinstitutionen von den Einschränkungen betroffen. Für viele, vor allem für die Akteure aus der Subkultur, geht es hier um die Existenz. Dies gilt im gleichen Maße für die Künstler*innen. Die wirtschaftliche Existenz, aber auch die Künstlerische; denn ohne Publikum, ohne Rezipienten, kann keine Kunst wirken. Auch wenn die Kunst, die auf der Straße interveniert, nicht im selben Maße von den Einschränkungen betroffen ist, wie die Kunst, die in geschlossenen Räumen entsteht und vermittelt wird, sind doch auch hier viele Projekte weggebrochen. Die Künstler*innen sind wirtschaftlich abhängig von Engagements im Rahmen von Festivals, von privaten und öffentlichen Kommissionen und eben solche Strukturen leiden unter der Auswirkung der Pandemie. Die sonst so agile, weltweit vernetzte Urban Art Szene hat abrupt ihre Mobilität verloren. Die Möglichkeiten der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, der persönliche Austausch, war vergangenes Jahr kaum möglich. Doch gerade die transnationale Vernetzung ist ein starkes Wesensmerkmal und Kreativ-Motor der Szene.

 

Gibt es Begegnungen mit Menschen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Das Schöne an meiner Arbeit zu Kunst & Stadt, die sich zu Teilen draußen, im öffentlichen Raum, ausgestaltet, sind die zahlreichen Begegnungen. Da sind zum einen die Passant*innen oder Anwohner*innen, die durch die künstlerischen Prozesse angesprochen werden und darüber mit mir ins Gespräch kommen und zum anderen die am jeweiligen Kunstprojekt mitarbeitenden Menschen. Die Künstler*innen, externen Dienstleister, Verwaltungsmitarbeiter*innen, Hauseigentümer*innen, Hausmeister*innen und Bewohner*innen. Für relativ kurze Momente entstehen Beziehungen zu bis dahin Fremden. Beziehungen zwischen mir und Unbekannten, Beziehungen zwischen einem Ort, dessen Veränderung und der Vorstellung seiner zukünftigen Gestalt. Und ist es nicht immer Unvoreingenommenheit, der ich begegne, ist es doch gerade diese die mich am meisten begeistert; denn sie ermöglicht die Begegnung auf „Augenhöhe“, eröffnet kurze Einblicke in fremde Lebenswelten, Gedanken, Meinungen und Wahrnehmungen. Die Kunst ist dabei stets der Zugang; und dieser kann viele Formen annehmen. Mal ist es eine ästhetische Wahrnehmung, mal eine grundsätzliche Beobachtung des Stadtraumes, oder eine Kritik an seinem aktuellen Zustand, die Gedanken zu Inhalten des gegebenen Projektes, deren gesellschaftlichen Bezüge oder auch mal die unverhoffte tiefer führende kunsthistorische Verhandlung der entstehenden Arbeit.

© 2021. Dr. Hans Riegel Stiftung